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: Bühnen :: Bekenntnis zur Entschleunigung :
Der Liedermacher Sebastian Hackel, Jahrgang 1989, stammt aus dem Landkreis Zwickau. Seine Konzerte sind Ruhepole: Gitarre, Klavier und Gesang, dazu das Licht seines Diaprojektors. Hackels Lieder erzählen von versunkenen Momenten fernab der Leistungsgesellschaft. Mit „und alle so hysterisch" liegt nun sein neues Album vor, das er am 9. März, während eines Doppelkonzertes mit dem Folk-Punker Axel Steinhagen, im Objekt 5 vorstellen wird

Text: Mathias Schulze; Bild: Karol Kosmonaut

Mathias Schulze hat Sebastian Hackel zum Gespräch gebeten.

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Auf Ihrer Homepage ist notiert, dass Sie als Jugendlicher ein Jahr auf der Straße verbracht haben.

Ja, das war Flucht und Protest. Ich habe bei Freunden und in besetzten Häusern gewohnt, bin zwischen verschiedenen Städten hinund hergependelt. Gelebt habe ich von der Hand in den Mund, ein bisschen Autoscheiben putzen und Straßenmusik. Diese Zeit war für mich der Ursprung meiner heutigen Musik. Vieles habe ich damals in Gedichten verarbeitet, daraus entstanden Lieder.

Im neuen Song „Ravioli" setzen Sie sich zum ersten Mal deutlich mit dieser Vergangenheit auseinander. Im Musikvideo sieht man ein buntes Jahrmarktstreiben und viele Obdachlose.


Da war ich auf dem Hamburger Dom unterwegs. Hamburg und seine Meilen sind ein Paradebeispiel für die krassen Gegensätze von Arm und Reich, von Party und Elend. So dicht beieinander, man stolpert übereinander, wenn man nicht aufpasst. Und alles in einer sowohl friedlichen, als auch ignoranten Koexistenz. Ich finde das absurd und bitter. Das wollte ich zum Ausdruck bringen.

Stöbert man durch Youtube fällt eins besonders auf, ihr Video zum schönen Song „Warum Sie lacht" hat unglaubliche 2,8 Millionen (!) Klicks.

Ich war damit 2011 in der TV-Talkshow „Inas Nacht". Das Lied hat wohl ziemlich vielen gefallen (Lacht).

Was bedeuten diese 2,8 Millionen Klicks rückblickend?

Seit 2011 kann ich auf Tour gehen, Leute verlassen ihre vier Wände, um meine Musik live zu hören. Ich habe „Inas Nacht" sehr vieles zu verdanken. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich das bekannte Video zu „Warum Sie lacht" ziemlich kitschig finde. Nachdem ich mich bei „Inas Nacht" beworben hatte und klar war, dass ich eingeladen bin, musste schnell ein Video her. Ich hatte damals kein Management, kein Budget. Ein junges Filmteam aus Leipzig, es ist auch dort gedreht, hat mich damals unterstützt, wir improvisierten und dann kam das bei raus (lacht).

Sie sind in Zwickau aufgewachsen, haben eine Ausbildung zum Erzieher absolviert. Wo und wie leben Sie heute?

In der Nähe von Hannover und Hildesheim, lustigerweise wieder auf einem Dorf. Wir haben eine kleine Scheune ausgebaut, dort lebe ich mit meiner kleinen Familie.

Ihre Musik transportiert eine zauberhafte Atmosphäre, ein Bekenntnis zur Entschleunigung.

„Ein Bekenntnis zur Entschleunigung" finde ich schön. Es stresst mich ungemein, dass alles schneller zu werden scheint. Die sozialen Netzwerke, von denen ich ja auch profitiere, rauben mir aber auch viele Nerven. Ich finde es krass, dass es heute als etwas Besonderes angesehen wird, wenn man sein Handy mal ausgeschalten hat, man nicht sofort antwortet, wenn man auf Twitter und Co. verzichtet. Woher kommt dieses Mitteilungsbedürfnis, dieser permanente Drang zur Selbstdarstellung? Und was machen diese Plattformen mit uns? Machen die uns glücklicher? Früher ging man mit Freunden zur Schule, heute scheint der beste Freund das Smartphone zu sein. 
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„Ich wäre lieber unvollkommen glücklich, als vollkommen glücklich.“

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Ein Like schüttet Dopamin aus.

Dieses Zeug funktioniert wie eine Droge. Aber besagte Plattformen passen auch zu einem Leistungsmythos, wonach „es" jeder Einzelne alleine schaffen kann, ja, sogar muss. Aus der Perspektive des Musikliebhabers gesprochen: Früher hat man Musik gesucht, heute wird man von allen Seiten damit zugeschüttet. Und nicht selten frage ich mich mit jeder Neuveröffentlichung, mit jeder Instagram- Story, wer das eigentlich noch braucht, wahrnehmen will und kann.

Ein Umstand, der sich nur mit Humor ertragen lässt?

Ja, vielleicht. Und am besten man beginnt damit, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Und das fällt mir beispielsweise total schwer (lacht).

Was fehlt Ihnen zum vollkommenen Glück?

Allein die Tatsache, dass ich nachdenken muss, zeigt, dass ich glücklich bin. Zudem wäre ich lieber unvollkommen glücklich, als vollkommen glücklich.

Pläne und Ziele?

Heute habe ich meine Ruhe gefunden, ich kann von der Musik leben, mache hin und wieder ehrenamtlich Musikprojekte an Brennpunktgrundschulen. Das nächste Album nach „und alle so hysterisch" ist 2020 geplant. Das Ziel ist einfach, ich muss kein großer Star oder so etwas werden. Ich möchte gesund sein, ein gutes Leben mit Freunden und Familie haben, meine Musik machen und auf schönen Bühnen alt werden können.

Was bedeutet Tom Liwa in Ihrem Leben?

Ohne ihn hätte ich mein erstes Album nicht aufgenommen, er hat mich mit auf Tour genommen, meinen Auftritt auch manchmal gegen den Widerstand des Veranstalters durchgesetzt. Von Tom hole ich mir Tipps, er weiß, wie man sich schlau auf dem Markt bewegt, wie man seine Nische und seine Freiheit behaupten kann. Ich möchte nicht in seine Fußstapfen treten, aber er hat ’ne Menge Erfahrungen auf seinem Weg gesammelt.


Sebastian Hackel und Axel Steinhagen, 9. März, Objekt 5, 20 Uhr, www.sebastianhackel.de




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