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: Bühnen :: Mit nackten Füßen und Tabletten :
Unter der Regie von Katharina Brankatschk zeigt das Neue Theater Wolfgang Herrndorfs Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe". Die Inszenierung der Fortsetzung von „Tschick" gelingt außerordentlich gut

Text: Mathias Schulze; Bild: Anna Kolata

„Du wirst sterben!" An vielen Stellen der Inszenierung hört man es, auch zu Beginn. Sofort steht unser aller Endlichkeit im Fokus, sofort zieht dieser Schmerz in den Bann. 2013 zog der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf aus seiner Gehirntumor-Diagnose die letzten Schlüsse: Selbstmord. Vorher arbeitete er jedoch an einer Fortsetzung des erfolgreichen „Tschick". Überliefert ist ein Romanfragment, das die 14-jährige Isa in den Mittelpunkt stellt.

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Unter der Regie von Katharina Brankatschk wird dieses nun beeindruckend in der Kammer des Neuen Theaters inszeniert. Die Bühne? Dunkel, abschüssig, poetisch, Graffiti-Verzierungen verweisen auf eine jugendliche Kraft, die sich gleich der Sterblichkeit entgegenstellen wird.

Isa Schmidt, das 14-jährige Mädchen aus „Tschick", flieht aus der Anstalt. Cynthia Cosima Erhardt, Jahrgang 1995, schickt Isas Gewissheiten herrlich ambivalent auf die Bühnenbretter: „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist und nicht bescheuert." Mit nackten Füßen und Tabletten, in Armeehose und im Schlabber- T-Shirt streift sie durch Deutschland.

Isa ist unnahbar, frei, mutig, lustig, verschlossen, traurig und bedingungslos. Sie lügt, um das Leben zu ertragen, sie empfindet – ohne von ihren Gesinnungen, Gewöhnungen und Mitmenschen reguliert zu werden. Isa verkörpert die Sehnsüchte des todkranken Herrndorf.

Cynthia Cosima Erhardt schafft es, über 90 Minuten hinweg zu faszinieren. Sexy, kraftvoll, verspielt, verzweifelt. Da ein nacktes Schulterzucken, dort ein breites Lächeln. Isa wandert durch eine surreale Traumwelt. Die Zuschauer müssen entscheiden, ob sie verrückt ist. Keine Heimat, nirgends, so kann Isa Fragen stellen: Macht es im großen Stile etwas aus, ob man nun noch fünf Minuten oder 30 Jahre zu leben hat? Bist du gekommen, um der Welt einen Weg zu zeigen? Oder willst du die Menschheit auslöschen?

Die Heranwachsende elektrisiert ihre flüchtig gestreifte Umwelt, Nils Thorben Bartling spielt den Erzähler und alle Personen, denen Isa begegnet. Auf der Bühne öffnet sich ein weiterer Vorhang, Bäume und ein riesiger Himmel sind zu sehen. Ist da ein Bär mit Krone in den Wolken zu erkennen? Oder ist es ein Mann mit Händen vor den Augen? Es kommt darauf an, wie man hinschaut.

Ein Spiel mit der Wirklichkeit. Überall lauern biblische Motive und kulturelle Referenzen, von Goethes Faust bis zur Sesamstraße. Es gibt Lichtwechsel und einen explosiven Comic-Stil.

Mittendrin? Isas Freiheiten, ihre Läufe durch die nächtliche Natur, die die „versifften Gardinen in den grauen Häuserwänden" blamieren. Rauscht ein Stein gegen eine imaginierte Fensterwand, klirrt es aus den Boxen. Landen Gegenstände unsanft, hört man witzige Boing- Geräusche, die man sonst nur aus Trickfilmen kennt.

Die Inszenierung ist Jugend – und Erwachsenentheater zugleich, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. Der Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Kreher ist eine poetische Ausstattung gelungen, am Ende wird die Bühne zur immer enger werdenden Laufbahn, die direkt in den Himmel führt. Dann formen sich unter der Dramaturgie von Ralf Meyer die visuell berauschenden Eindrücke und die sphärischen Klänge zu einem schlüssigen Gesamteindruck. Immer wieder ist zu hören: „Du wirst sterben!"

Ja, aber da war doch dieser sonniger Tag, ein Feldweg, fernab der Städte, führte zur Geliebten. Man fühlt noch heute, wie die eigene Hand über die wildwachsenden Gräser strich. Da waren doch die reifen Brombeeren im Sommer, deren Geschmack im Munde explodierte. Und dann das Laufen durch die sternenklare Nacht, die Straße bestand aus unendlich blauem Asphalt. Wiesen, Bäche, Wälder und all diese Momente, in denen nicht die Attraktivität, sondern nur die Schönheit der Dinge zählt.

Kann man Lebenswertes erst erkennen, wenn die Tage deutlich gezählt sind? Die Inszenierung erinnert an das, was wir Glück nennen, so brennt sich eine Begierde nach dem Leben in die Seele. In der Kammer des Neuen Theaters ist ein kleines Meisterwerk zu bestaunen. Chapeau!

Bilder deiner großen Liebe, 8. und 9. Dezember, Kammer des Neuen Theaters, jeweils 20 Uhr

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