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: Gesellschaft :: Kurz und schauervoll :
Volker Dietzel, bekannt u. a. als Ensemble-Mitglied des freien Theaters Apron, hat einen Stadtführer über Halle geschrieben. Halt, nein, zurück: Volker Dietzel legt einen Abreiseführer vor, mitten auf den gangbaren Wegen, die aus dem Metropölchen herausführen, schildert er seinen schonungslossatirischen Blick auf Halle und dessen Bewohner. Ein skurriles Lesevergnügen der besonderen Art

Text: Mathias Schulze; Bild: Volker Dietzel

Die Absicht, wonach es hier einem ganzen Genre an den Kragen geht, steckt schon im Titel: „Halle – Ein Abreiseführer". Für alle erstaunt Fragenden legt Dietzel im Vorwort nach: „Die Texte sollten kurz und schauervoll sein und Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne schnell von Punkt zu Punkt führen." So kann man das Revier abstecken, es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn sich das Buch bei Touristen alsbald als Kassenschlager erweisen würde. Das Potenzial dazu hat es.

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Unwahrscheinlich? Das kommt auf den Humor an. Oder besser gesagt, auf die Bereitschaft die eigenen eingeschliffenen Wahrnehmungen und Erwartungen aufs Korn zu nehmen, denn Informationen über die Stadt und dessen Sehenswürdigkeiten, über die Historie und Land und Leute gibt es bei Dietzel in Hülle und Fülle. Nur ist man auch bereit, einen Blick mitzunehmen, der sich so herrlich schräg über die Jahre hinweg beim Theater Apron, mitten im Herzen Halles, geschult hat?

Oder wie es Dietzel im Nachwort, betitelt mit „Üble Nachrede", selbst formuliert: „Mir ist schon klar, dass ich nicht allen gefallen werde. Ich bin mir sogar sicher, dass die Rechten wütend sein werden, die Linken beleidigt, die Stadt angepisst und meine Ex-Schwiegermutter nach der Lektüre Muskelkater im Augenbrauenrunzler haben wird."

Und wahrlich, Futter zum Aufregen streut Dietzel reichlich. Ausgehend vom Markt geht es in alle vier Himmelsrichtungen, immer raus aus der Stadt. Von der Kleinen Ulrichstraße über das Paulusviertel bis zum Nordbad, vom Rathaus über das Bahnhofsviertel bis zum „Tackle Ball" in Spickendorf. Oder über Luthers Totenmaske bis nach Teutschenthal.

Dietzel verknüpft mäandernde, unverständliche Sätze mit philosophischer Bildung und Schabernack, er lässt literarische Anspielungen auf gnadenlos entblößende Fotos treffen. Den farblosen Bildern im Buch gelingt mitsamt ihrer knackigen Bildunterschriften ein vergnüglicher Spagat. Sie berühren in ihrer Mixtur aus Tristesse, sachlichen Informationen und albernen Gelächter. Da findet sich der Papierhandtuchspender im „Connoisseur" ebenso wie die Händel- Halle. 
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„Ich bin mir sicher, dass die Rechten wütend sein werden, die Linken beleidigt, die Stadt angepisst und meine Ex-Schwiegermutter nach der Lektüre Muskelkater im Augenbrauenrunzler haben wird.“

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Alle Objekte sind in einer unnachahmlichen Art und Weise eingefangen. Das ist Rock’n’Roll für die Augen, das ist Heavy Metal für jeden Lokalstolz, das ist Punk- Rock für jedes Stadtmarketing. Dietzels Buch schmeckt so, als träfe sich die Fernsehfigur Dittsche mit dem Philosophen Christian Wolff. Prost! Es ist, als therapiere Hans-Joachim Maaz, dem gar ein ganzes Kapital gewidmet ist, die faulen Eier, die einst Helmut Kohl trafen. Halle, das ist für Dietzel ein „nach Größe japsender Atem, der nach Provinzialität riecht".

Halle, das ist für Dietzel eine geliebte Heimat, die erst dann ihren ganzen Reiz entfaltet, wenn man sie, immer vermittelt durch äußerste Übertreibungen, pointiert und skrupellos beschrieben hat.

Auch die kleinen Sehenswürdigkeiten verewigt Dietzel mit scheinbar zeitlosen Charakterisierungen. Über das „Flower-Power" heißt es: Dort, „wo sich der durchschnittliche Realschüler schneller etwas eingefangen hat, als er abspritzen kann, während seine Klassenkameradinnen die Köpfe zusammenstecken wie Rokokokokotten im rituellen Risikodiskurs."

Im „Kaffeeschuppen" macht Dietzel Stammgäste ausfindig: „Dem Klub der geschiedenen Malergattinnen, der so syphilitischen Sybillen wie wachsamen Spinatwachteln, gehen die anderen Gäste instinktiv aus dem Wege, zuweilen wird aus politischen Gründen verschämt gegrüßt, ohne dass zurückgegrüßt wird, aber im Großen und Ganzen existieren die Damen autonom."

Da gibt es abenteuerliche Lyrik, böse Seitenhiebe auf die Großkopferten, lobenswerte Recherchen, zünftige Stammtischwahrnehmungen und pfiffige Reflexionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da wird aufgeklärt über Exhibitionisten in den Saale-Auen, da wird geschimpft auf Eitelkeiten, auf Standesdünkel und Kunst und Krempel. Vor allem aber wird beglückt mit kurzen Episoden, die uns einen besonderen Blick auf Halle schenken. Es ist ein Blick, der irgendwo zwischen bekifft, besoffen und hochgebildet spekulativ ins Schwarze trifft. Es ist so, als würde sich die DNA des freien Theaters Apron auf über 300 Seiten ein Denkmal gesetzt haben.

Zu empfehlen ist dieser Schmöker als Essay-Sammlung, die man kurz und heftig immer mal wieder zu Rate ziehen kann. Auch ein Hörbuch, eingelesen von Lena Zipp und Alexander Terhorst, liegt vor. Das Vergnügen ist auf der Seite der Humorbegabten. Allzu ernste Zeitgenossen sollten bei herkömmlichen Stadtführern verweilen.

Volker Dietzel „Halle – Ein Abreiseführer", erschienen im Projekte Verlag Hahn, bestellbar unter: www.projekte-verlag.de
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