Hallo Ruth Heftrig, wenn Sie in diesen Tagen an Halle denken, welches Kompliment würden Sie der Stadt und/oder deren Bewohnern machen?
Ich bin auch dieses Frühjahr wieder begeistert von dem vielfältigen Kulturangebot in unserer Stadt. Ob "high", ob "low" - es wird in allen Sparten was geboten: im Programmkino, in den Theatern, auf den Freilichtbühnen im Grünen, in den vielen kleinen und kleinsten Kunsträumen. Und es macht so viel Spaß, all den engagierten Kreativen bei der Arbeit zuzuschauen und davon für die Seele und für die eigene Sinnsuche zu profitieren. Was mich außerdem freut, sind Kooperationen zwischen den großen Kulturinstitutionen und den Akteurinnen der Freien Szene. Ein Beispiel dafür sind die diesjährigen Händel-Festspiele, die zum Beispiel mit dem Verein hr.fleischer - also dem Kiosk am Reileck - zusammenarbeiten.
Und welchen Tadel würden Sie ihr aussprechen?
Ich bin ziemlich genervt von der Ressourcenverschwendung im Bausektor, die mit nachlassender Baukultur einhergeht. Zum Beispiel beim Abriss denkmalgeschützter Gebäude, um anschließend Attrappen aufzubauen! Da geht originale Substanz verloren, wird etwas vorgetäuscht, und zugleich die ganze "graue" Energie auf der Halde entsorgt, anstatt sie als "goldene" Energie zu feiern und zu nutzen.
Kriege, Klima, Inflation – überall Krisen. Wie gelingt es Ihnen, optimistisch zu bleiben?
Wer sagt, dass ich optimistisch bin? Die Menschheit nimmt den Klimawandel nicht ernst, zerstört nicht nur die Natur, sondern sich gegenseitig, und in unserem Bundesland drohen Rechtsextreme die Regierung zu übernehmen! Hoffnung machen mir alle, die sagen: Wir bleiben hier und kämpfen für die Vielfalt des Regenbogens. Und das sind zum Glück einige. In Sachsen-Anhalt und darüber hinaus macht die aktuelle Solidarität von Kulturakteurinnen untereinander Mut. Es entstehen Bündnisse, es werden Aufrufe und Stellungnahmen veröffentlicht, die die Kunstfreiheit und weitere Errungenschaften unserer Demokratie hoch halten. Dafür zu kämpfen und sich nicht ängstlich zu verkriechen, ist wichtig, um nicht vollständig zu resignieren.
Darüber hinaus, welchen Kulturtipp in oder aus Halle würden Sie unbedingt empfehlen?
Da bin ich nicht ganz unbefangen: Es gilt, den schönsten Kunst- & Designmarkt Halles, den sichtbar-Markt, nicht zu verpassen! Am 13. und 14. Juni findet er wieder im Graben der Moritzburg statt. Außerdem freue ich mich auf die Fête de la Musique am 21. Juni, vor allem an einem meiner halleschen Lieblingsorte: der Schwemme.
So, und nun wirklich ein letztes Wort.
Ein Kollege führte mit Blick auf die aktuelle politische Lage ein Umberto-Eco-Zitat an, das ich toll finde: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung - und die ist die falsche.“
https://kurzlinks.de/sichtbar-markt
Text Annett Krake, Foto: Nora Mona Bach