Alexander Suckel leitet das Literaturhaus Halle (LHH). Ein Gepräch über Bilanzen, Wünsche, das Lesen und gesellschaftliche Brennpunktthemen
Hallo, Alexander Suckel, Sie leiten das Literaturhaus seit 2018. Welche Erwartungen haben sich erfüllt?
Zu unserer großen Freude haben sich nicht nur die meisten Hoffnungen erfüllt, sondern sind unsere Erwartungen noch übertroffen worden. Ein Literaturhaus hatte es in Halle bis dato nicht gegeben und die Frage war ja, ob ein ganzjähriges Angebot in Sachen Literatur ein Publikum finden würde. Dass es uns damit gelungen ist, ein Bestandteil der halleschen Kulturszene zu werden, den viele Menschen als Bereicherung und als etwas sehr Wertvolles betrachten, macht uns sehr glücklich. Dass unsere Bemühungen um ein vielseitiges, lebendiges und umfangreiches Programmangebot sowohl in der Stadt, im Land Sachsen-Anhalt aber auch darüber hinaus wahrgenommen und wertgeschätzt werden, bestärkt uns in unserer Arbeit enorm.
Wo liegen die Wünsche? Wo sehen Sie das Literaturhaus in fünf Jahren?
Ich hoffe, dass wir in fünf Jahren weiterhin zu einem unverzichtbaren Teil der Kulturlandschaft in Mitteldeutschland gehören und dass sich dies widerspiegelt und ausdrückt in einer Form institutioneller Förderung.
Sie moderieren diverse Diskussionsrunden: Bei welchen gesellschaftlichen Themen haben sie in Halle den intensivsten Diskussionsbedarf gespürt? Wie erklären Sie sich das?
Es gab und gibt ein großes Bedürfnis nach Austausch und Einordnung in dieser wilden Zeit. Zu vieles lässt sich nicht einfach beantworten, Risse gehen nicht nur durch die Gesellschaft oder durch Familien, viele von uns sind selbst gespalten in vielerlei Hinsicht. Da hilft der Austausch von Argumenten in Form von Diskussionen sehr zur eigenen Positionsbestimmung. Der große Publikumszuspruch bei dieser Art von Veranstaltungen zeigt, dass es nicht nur die großen weltpolitischen Konflikte sind – Ukraine, Gaza und andere – sondern dass Fragen zur unmittelbaren Umgebung, zu Stadtentwicklung, Architektur oder Zukunftszentrum Menschen zusammenführen, um darüber in Austausch zu treten. Unsere Foto-Ausstellungen zu Halle-Neustadt oder zur Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts waren extrem gut besucht und stützen den Eindruck, dass das LHH ein Ort der Selbstvergewisserung und Auseinandersetzung einer aufgeklärten Stadtgesellschaft ist.
Podcasts, Serien, Smartphones oder soziale Medien. Noch einmal zu Ihren Erfahrungen: Wie steht es um den Griff zum Buch in Halle bei Jung und Alt?
Das Buch wird seit Jahrzehnten totgesagt und die rückläufigen Verkaufszahlen am Büchermarkt halten immer als Argument dafür her. Und gleichwohl brummt die Leipziger Messe, sind die Leseveranstaltungen gut besucht – auch in unserem Hause. Es bilden sich neue Genres heraus, die vor allem bei jungen Leserinnen und Lesern verfangen. Mir ist überhaupt nicht bang, was die Zukunft des Buches angeht. Bei aller Wertschätzung für andere „Freizeitbeschäftigungen“ – das Lesen eines Buches, die unmittelbare Begegnung mit Autoren und Autorinnen ist etwas, dass durch nichts zu ersetzen ist.
Nehmen wir an, Sie müssten mit Verve einen Menschen, der kaum ein Buch zur Hand nimmt, vom Glück des Lesens überzeugen: Was wären Ihre Worte?
Du hast keine Zeit und kein Geld für Urlaub? Nimm Doris Akraps Buch „Oh! Dalmatien“ zur Hand und reise in den Süden. Der Trip kostet 20 Euro und du wirst ihn nie vergessen. Du wolltest schon immer einmal wissen, warum alles so derart verworren und kompliziert in dieser Zeit ist, wo die Ur-sachen dafür liegen? Nimm Jens Biskys Buch „Die Entscheidung. Deutschland in den Jahren 1929–1934“ oder Georg Diez’ Band „Kipppunkte“ über die 90er Jahre zur Hand und du findest viele Antworten auf deine Fragen. Du bist gerade traurig und nix kann dich aufmuntern? Hast du es schon mal mit den brüllend komischen Büchern von Stefan Schwarz versucht? Es braucht fast nichts außer einem ruhigen Platz, vernünftigem Licht, ein ausgeschaltetes Telefon, und du bist im Nu in einer anderen Welt.
das Komplett-Interview: facebook.com/HalleFrizz | www.literaturhaus-halle.de
Text: Mathias Schulze
