„Antarktis ’89 – Letzter Sommer DDR“, 14. August bis 6. September, Innenhof der Ulrichskirche Halle, jeweils 19.30 Uhr, alle Termine: www.kulturreederei.de
Antarktis '89 – Letzter Sommer DDR“ heißt das Stück der Kulturreederei, das ab 14. August im Innenhof der Ulrichskirche Halle gespielt wird. Im Gespräch verspricht Regisseur Martin aberwitziges Sommertheater
Hallo, Martin, man hört, das diesjährige Sommertheater-Stück der Kulturreederei basiert auf einer wahren Geschichte?
Ja, Ausgangspunkt ist die dritte und letzte Antarktisexpedition der DDR. Die Expedition fand auf der Forschungsstation „Georg Forster“ auf der Schirrmacher-Oase statt und dauerte von 1989 bis 1991. Ihre Hauptaufgabe war die wissenschaftliche Forschung. Geodätische Arbeiten, Ozonforschung, die DDR hat einen entscheidenden Anteil an der Erforschung zur Bekämpfung des Ozonlochs. Messungen des Kohlendioxidgehalts und des Kohlenstoffisotops C13 in der arktischen Reinluft: Wissenschaft also.
Aber in dem Stück …
… geht es um mehr. Das Persönliche. Das persönlich Politische. Stellen wir uns vor, wir sind im Urlaub. Weit weg, abgeschottet von allem und unsere Heimat verschwindet plötzlich. Zurück zur Frage: Die Expedition diente der DDR zu einem größeren politischen Zweck: Die DDR wollte internationale wissenschaftliche Bedeutung erlangen. Man war der Ansicht, dass nur wer eigene Daten erhebt, auch Zugang zu internationalen Daten bekommt und am weltweiten Wissenschaftsgeschäft teilnehmen kann. Ähnlich dem Sport in der DDR. Die Entsendung der Expedition wurde von der Akademie der Wissenschaften der DDR in Potsdam koordiniert. Die Auswahl der Teilnehmer war ein strenger Prozess, der auch die Staatssicherheit einschloss. Ein beteiligter Polarforscher berichtete uns, dass seine Stasi-Akte zur Antarktisforschung 380 Seiten umfasste.
Berichtet?
Wir haben uns mit den echten Polarforschern getroffen und diese ein verlängertes Wochenende lang zu Ihren Erlebnissen befragt.
Was ist das für ein Blick, den die Männer entwickelt haben?
Die Polarforscher erhielten die Nachrichten vom Fall der Berliner Mauer und den darauffolgenden Veränderungen in der Heimat nur bruchstückhaft und zeitverzögert. Der Funker spielte eine zentrale Rolle bei der Übermittlung, vor allem bei der Interpretation dieser Nachrichten. Eigentlich Verbotenes wurde plötzlich notwendig: Das Abhören der Deutschen Welle, Radio Österreich und BBC London. Und auch: Es gab zeitgleich eine reine Frauen-Expedition der BRD. Kontaktaufnahme war strengstens verboten. Aber da will ich jetzt mal nicht zu viel verraten.
Wie sind denn die Forscher mit dem Mauerfall umgegangen?
Der Fall der Mauer wurde von einigen zunächst als Psychotest der Behörden aufgefasst, um zu sehen, wie die isolierten Forscher reagieren würden. Die Unsicherheit war groß: Man wusste nicht, ob die Mauer wieder geschlossen werden würde, ob es einen Bürgerkrieg in der Heimat gab. Es gab Überlegungen, ob man die Expedition abbrechen sollte, da plötzlich unklar war, in welches Land sie zurückkehren würden, ob sie noch einen Arbeitsplatz haben würden. Wie ergeht es den Familien? Unsicherheit ohne Antworten. Ohne die Dimension des Geschehens einschätzen zu können. Auch die Frage nach dem Vertrauen – in was auch immer – stand immer wieder im Mittelpunkt der Gespräche. Auch wenn einige der Polarforscher die Wende als überfällig empfanden, wurde schließlich pragmatisch entschieden: Wir halten durch! Zur Hauptmotivation wurde das Mantra: Wir erfüllen unsere Forschungsaufträge, halten den Stationsbetrieb aufrecht. Das normale Leben auf der Station – tägliche Routinen und Arbeit – half, die Zeit zu überbrücken, Heimweh zu bewältigen. Und dann immer wieder neue Meldungen: Mauerfall, Honecker, Runder Tisch, freie demokratische Wahlen, Währungsunion, Tag der deutschen Einheit. Aber wer erleben will, welche teils aberwitzigen Folgen das auf der Antarktis hatte, sollte ins Theater kommen. Die Forscher fühlten sich bei ihrer Rückkehr im Sommer 1991 wie Außerirdische, die in ein unbekanntes Land zurückkehrten.
Im Pressetext steht, dass an Sehgewohnheiten gerüttelt werden soll. Auf 1989?
Das Theaterprojekt will die Wende-Ereignisse nicht rein dokumentarisch wiedergeben, sondern interpretiert aus einer aktuellen Perspektive. Und es ist auch keine Wissensshow. Das Publikum trifft auf unser fiktives Ensemble. Das Stück zielt darauf ab, die menschlichen Erfahrungen der Isolation und des Heimwehs in dieser Umbruchszeit darzustellen. Es möchte die Widersprüche zwischen der alltäglichen, unromantischen Arbeit der Forscher und den tiefgreifenden politischen Veränderungen in ihrer Heimat aufzeigen. Dabei stehen die ganz persönlichen menschlich-privaten Dinge im Mittelpunkt. Sorgen, Hoffnungen, Ängste. Auch das Ringen um die Erzählweise der Geschichte selbst, ist Teil des Stücks. Das Stück reflektiert, dass Erinnerungen oft trügerisch sein können, dass die Wahrheit auch eine Frage der Perspektive ist. Es wird die Spannung thematisiert, wie man eine solche Geschichte künstlerisch erzählt, insbesondere wenn die realen Ereignisse von den Forschern selbst als „langweilig“ oder „nicht wirklich dramatisch“ beschrieben wurden.
Das Publikum …
… darf sich auf eine Inszenierung freuen, die den Fokus auf die inneren Prozesse und Interaktionen der Protagonisten legt. Es trifft auf vielfältige Bühnensituationen. Und es werden auch absurde und fantastische Elemente verwendet, um sich von einer rein dokumentarischen Darstellung zu lösen und die psychologische Wirkung der Ereignisse zu verdeutlichen. Und alles das wieder mit Live-Musik? Ja, die kommt von unserer Hausband Die drei Etablierten. Und schließlich ist es ein unterhaltsamer, informativer, aber auch oft lustiger Sommertheaterspaß geworden.
Text: Mathias Schulze
